Ein TV-Abend mit einem seltsamen Gefühl
Es ist einer dieser Abende, wo ich vor dem TV sitze und gebannt einem Talk zuhöre. Der Moderator ist brillant vorbereitet und der Gast überzeugt mit rhetorisch starken und klaren Botschaften und einer Selbstsicherheit, die nichts überstrahlt. Er ist authentisch, und entspannt – stahlt wahre Kompetenz aus. Die Worte und Geschichten fliessen mühelos, die Schlüsselbotschaften sind klar und verständlich – alles sehr konsistent und kongruent – absolut glaubwürdig. Das Publikum nickt, lacht und applaudierte.
Nur beim Gastgeber schleicht sich bei mir ein seltsames Gefühl ein. Er strahlt eine grosse Selbstsicherheit aus, spricht von seiner Expertise und seinen Erfahrungen aus der Arbeit mit Menschen mit Rang und Namen. Das fühlt sich bei mir nicht echt an – obwohl es perfekt inszeniert ist.
Zwei Fragen kommen bei mir auf:
- Ist die Person wirklich kompetent und ein Experte, wie er sich immer selber ernennt?
- Was denkt der Podiumsgast und der Moderator? Sehen sie es mit denselben Augen wie ich?
Es ist nicht alles Gold was glänzt
Vielleicht kennen Sie solche Menschen auch: Sie treten mit maximaler Sicherheit auf, sprechen mit absoluter Überzeugung und erschaffen damit eine Realität, die kaum jemand hinterfragt. Da kommt mir gleich eine weitere Person aus meiner Studienzeit in den Sinn. Mehr Schein als Sein. Doch was steckt dahinter? Und warum fallen selbst kluge Menschen darauf herein? Wie können wir Kompetenz prüfen?
Was dahinterstecken kann
Die Antwort ist komplexer, als man denkt. Denn nicht jeder Hochstapler ist ein klassischer Lügner.
Ein Teil davon ist normales, aber übersteigertes Self-Enhancement: Menschen beschreiben sich systematisch positiver als es objektiv gerechtfertigt wäre. In extremer Form kann das in grandiose Selbstbilder kippen, etwa in Richtung narzisstischer Muster, bei denen Bewunderung, Status und Besonderheit stark überbetont werden.
Dahinter also häufig eine Mischung aus Selbsttäuschung, narzisstischer Selbsterhöhung und strategischer Selbstdarstellung.
Selbsttäuschung ist nicht zwingend bewusstes Lügen; sie kann ein verzerrter kognitiver Prozess sein, bei dem Informationen selektiv aufgenommen und widersprüchliche Hinweise ausgeblendet werden. Die Wiederholungder Geschichte, soziale Bestätigung und das Ausweichen vor unangenehmen Fakten machen die Erzählung mit der Zeit subjektiv glaubhafter. Das Gehirn beginnt, diese Konstruktion als stimmig abzuspeichern. Ein faszinierender Mechanismus: Unser Verstand liebt Konsistenz und schützt das Selbstbild.
Warum sie es selbst glauben
Gerade wenn die Faktenlage unklar ist oder niemand sauber nachprüft, kann die Person ihre Geschichte innerlich stabilisieren.
Besonders Menschen mit narzisstischen Tendenzen bauen gerne grandiose Selbstbilder auf. Dahinter steckt jedoch nicht selten ein fragiler Selbstwert. Die grosse Bühne dient dann weniger der echten Stärke als vielmehr der Abwehr von Scham, Unsicherheit, Minderwertigkeitsgefühlen oder früheren Kränkungen. Die Selbstdarstellung wird zur Rüstung.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es zum Schutz des Selbstwerts und damit einer inneren Entlastung sein kann (Selbsttäuschung).
Es kann dazu dienen:
- Status und Anerkennung zu sichern,
- Schwächen abzuwerten (Narzissmus)
- die eigene Identität aufwerten
- innere Spannungen zu regulieren (pathologisches Lügen)
Warum das oft funktioniert
Hochstapler arbeiten oft mit grossen Namen, angeblichen Erfolgen aber vagen Details. Wer souverän spricht, klare Botschaften sendet und selbstbewusst auftritt, kann Kompetenz signalisieren und wirkt glaubwürdig, auch wenn die Substanz fehlt – die Kompetenzvermutung. Unser Gehirn liebt einfache Signale. Wir verwechseln dann Sicherheit mit tatsächlicher Expertise. Sicherheit spart zudem Denkenergie. Deshalb folgen viele lieber einer überzeugenden Person als einer differenzierten, vorsichtigen Stimme – selbst wenn Letztere fachlich deutlich kompetenter wäre.
Hinzu kommt soziale Verstärkung. Solange die Fassade Aufmerksamkeit, Prestige oder Erfolg bringt, wird sie belohnt. Das Umfeld prüft selten kritisch nach. Niemand möchte unangenehme Fragen stellen oder die Stimmung kippen lassen. So kann eine aufgeblasene Selbstinszenierung über Jahre funktionieren.
Und genau hier entsteht die Gefahr: Wir Menschen verwechseln Sicherheit oft mit Kompetenz.
Doch es gibt Hinweise.
Woran wir es erkennen können
Neben den diffusen Referenzen, den erkauften Auszeichnungen und den schwer überprüfbaren Erfolgen, zeigt sich oft eine starke Abwehr gegen Nachfragen. Diese werden elegant umschifft oder als Angriff interpretiert. Konkrete Prüfung könnte ihre Fassade gefährden. Auffällig ist auch, dass die Geschichten beeindruckend klingen, aber an Tiefe verlieren, sobald man konkret wird.
In der Kommunikation ist der Satz „Woran denken Sie konkret“ sehr hilfreich, um Schwätzer, Nörgler und auch Hochstapler zu entlarven.
Denn echte Kompetenz hat meist eine erstaunlich ruhige Eigenschaft: Sie muss sich nicht permanent beweisen.
Menschen mit echter Substanz können Unsicherheit aushalten, Fragen zulassen und auch einmal sagen: „Das weiss ich nicht.“ Genau das macht sie glaubwürdig.
Es zählen also:
- Konkrete Beispiele statt allgemeiner Behauptungen
- Nachprüfbare Referenzen statt „grosser Namen“ ohne Details
- Ruhige Reaktion auf kritische Fragen
- Bereitschaft, Grenzen zuzugeben oder Unsicherheit einzugestehen
Vielleicht ist das heute wichtiger denn je:
Weniger auf Lautstärke achten. Mehr auf Konsistenz, Kongruenz und Klarheit
Weniger auf Inszenierung. Mehr auf Haltung.
Denn langfristig beeindruckt nicht die grösste Geschichte sondern der Mensch dahinter.
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